7 Fragen an Rita Schumacher

 Mit ihrem Namensvetter, dem Automobilrennfahrer, stellte sie fest, dass sie eine „Formel – 1“ Waldorf-Oberstufenlehrerin ist. Seit vier Jahren arbeitet Frau Schumacher fest am Seminar für Waldorflehrer und in der Waldorfschule in Kassel. Sie ist Dozentin am Lehrerseminar für Waldorfpädagogik; Geschichts- und Deutschlehrerin und Klassenbetreuerin der 11 Klasse. Vorher war sie tätig für die Internationale Assoziation für Waldorfpädagogik (IAO) in Rumänien, in der Ukraine und in Russland, arbeitete (Epochenweise) in ukrainischen Waldorfschulen. Rita Schumacher ist attraktiv, energisch und leidenschaftlich in ihren Themen. „Wenn man bewusst arbeitet – erleichtert es die Sachen“, “Seminar und Schule ergänzen meine Arbeit „- sagt Rita Schumacher.

 Sie waren Waldorfschülerin, jetzt arbeiten Sie in der Waldorfschule. Welche Veränderungen sehen Sie in der Entwicklung der Waldorfpädagogik?

Ich habe 1989 Abitur gemacht, ich war damals Schülerin in einer kleinen Schule auf dem Land in Oberbayern, keine Staats- sondern eine Landschule. Es war eine Schule in einer absoluten Pioniersituation, das ist auch speziell. Ich war in der ersten Klasse, die dort Abitur gemacht hat. Wir haben unsere Schule damals so erlebt, dass wir ganz stark mit den Lehrern zusammen diese Schule machen. Wir versuchten dieses erste Abitur zu schaffen. Später bin ich in dieser Schule Lehrerin geworden. Nach dem Abitur hab ich mein Universitätsstudium für Deutsch und Geschichte gemacht, das erste Staatsexamen abgeschlossen und am Gymnasium mein Referendariat gemacht und mit dem zweiten Staatsexamen für die Fächer Deutsch und Geschichte abgeschlossen. Das war für mich sehr interessant, weil ich diesen staatlichen Schultypus kennen gelernt habe. Für mich war sehr schnell klar, dass ich es sehr interessant finde, das staatliche System zu erleben, das war ein sehr gutes Gymnasium, aber ich wusste, wenn ich Lehrerin werde, dann möchte ich doch an eine Waldorfschule gehen.

Im Jahr 99 kam ich wieder in meine alte Schule zurück, habe abgefangen, Geschichte und Literatur zu unterrichten. Ich hatte den Eindruck, dass vieles sich verändert hatte. Ich konnte nicht sagen, dass die Jugend jetzt anderes geworden sei. Die Schule war nicht mehr neu (sie existierte nun schon 21 Jahre). Die Frage, inwiefern die Schulen heute anders geworden sind, ist grundsätzlich sehr schwer zu beantworten. Es gibt große Unterschiede zwischen Bayern und Kassel, zwischen städtischen und ländlichen Schulen und so weiter. Ich würde eines auf jeden Fall sagen: ich könnte nicht sagen, die Schüler waren früher einfacher als heute, oder sie werden immer schwieriger, sondern man hat das Gefühl sie werden anderes, sie sind zarter, empfindlicher geworden, nicht mehr so robust, aber gleichzeitig offener für manche Sachen. Zum Beispiel, erinnere ich mich aus meiner Schulzeit, dass das Fach Eurythmie viel problematischer zu unterrichten war als heute. Heute erlebe ich es als ein beliebteres Fach, aber auch nicht immer und nicht überall.

Sie waren Lehrerin für Gastepochen in der Ukraine. Erzählen Sie bitte über Ihre Erfahrungen beim Unterricht.

Das war eine Zeit, in der ich einmal im Jahr kam und Epochen gehalten habe. Das fing an mit einer Parzival Epoche in der 11. Klasse in Dnepropetrowsk, wo ich mehrere Epochen gemacht habe. Das war tatsächlich eine Pionier Klasse in dieser Schule, so eine Stimmung. Dann bin ich noch mehrmals gekommen. Literatur, Humor Epoche in der 9. Klasse, Drama Epoche in der 10. in Dnepropetrowsk und Geschichte in der 7. Klasse in Kiew. Ehrlich gesagt, ich hab sehr viel stärker erwartet, dass es anders sein würde. Mich hat interessiert: wie sind die Jugendlichen dort? Spürt man das sehr stark, dass sie Erwachsene sind? (Ich wusste, dass nach der 11. Klasse in der Ukraine die Schule endet). Das Überraschende war, dass alles überraschend ähnlich ist! Auch die Fragestellungen, für die sich die Schüler interessieren, sind ganz ähnlich gewesen, interessante Gespräche in diesem Alter sind sehr ähnlich. Was natürlich anders war, waren die Übersetzungssituationen – Unterricht lief immer mit Übersetzungen. Ich habe gemerkt, dass dieser Unterricht auch auf kultureller Ebene meinen Horizont unglaublich erweitert. Dass man mit Parzival in einer anderen kulturellen Umgebung klarkommt, fand ich sehr spannend.

Klassenbetreuer — was beinhaltet das? Teilen Sie diese Verantwortung mit den Kollegen?

Ich bin allein Klassenbetreuer der 11. Klasse. Ideal finde ich zwei, es gibt bei uns in der Schule verschiedene Klassen, wo das zwei machen: eine Frau und ein Mann zusammen. Ich würde das auch gern machen, aber manchmal ist man froh, wenn man überhaupt einen hat. Auch wenn man alleine ist, ist man natürlich nicht alleine. In Wirklichkeit ist in der Oberstufe die Zusammenarbeit mit den ganzen Klassenkollegium ganz wichtig. Klassenbetreuer bedeutet nicht, ein zweiter Klassenlehrer zu sein, der die Klasse allein betreut und die anderen Lehrer stehen am Rande. Wichtig ist, dass man regelmäßig Klassenkonferenzen macht, aus allen Blickwinkeln schauen kann, Gespräche zu Beginn der Oberstufe führt. Mir ist wichtig, dass ich bei jedem Gespräch meiner Klasse dabei bin. Alle Kollegen sind wichtig, nicht nur der Klassenbetreuer. Wenn Klassenbetreuer zu sehr wie ein Klassenlehrer sind, ist das nicht gut. Dann kann die Klasse nicht selbstständig werden, es hängt zu sehr an den Person. In der Oberstufe soll alles an der Sache hängen, nicht an der Person. Das heißt aber nicht, dass man unpersönlich ist. Fachlehrer sind auch sehr wichtig.

Ich glaube Oberstufenlehrer muss ein Stück weiter Wissenschaftler sein wollen und selber Forschungsinteresse am Gegenstand und darüber, etwas über die Natur des Menschen zu lernen, haben. Das muss für mich ganz wesentlich sein. Dann kann ich Schülern das mitteilen, was sie Wichtiges aus dem Fach für ihren Lebensweg Fach mitnehmen können. Ich muss diese Frage nicht nur an die Schüler, sondern an mich selbst haben.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Qualitäten, die eine Waldorflehrerin haben sollte? Was bedeutet es, pädagogischen Instinkt entwickeln?

Ich kann ganz allgemein sagen: das ist natürlich wirkliches Interesse an diesen jungen Menschen und der Frage: Wohin wollen sie? Es ist in der Oberstufe fast noch wichtiger, als woher sie kommen. Wohin wollen sie – das zu ahnen, zu spüren. Wo deuten Lebensthemen an für diesen Schüler, wo kann man erahnen, was sie wollen und wie ich helfen kann. Es ist wichtiger, Fragen zu entwickeln als Antworten zu geben. Dazu gehört natürlich Begeisterung für mein Fach. Pädagogischer Instinkt – das ist eine interessante Frage. Was ist pädagogischer Instinkt eigentlich und wie entwickelt man ihn? Ich würde erstmal sagen, man kann nie sagen, ich habe den, sondern dass dieser immer auf dem Weg der Entwicklung ist. In der Oberstufe ab der neunten Klasse, würde ich sagen, pädagogischer Instinkt ist, eine Ahnung von den Fragen zu haben, die der Schüler hat, aber noch nicht selber formulieren kann. Und die ahnt man gerade in dem, was dem Schüler nicht gelingt als in dem, was ihm gelingt. Da kann man diesen Instinkt ein bisschen in der Frage entwickeln, was in dem Schüler da weiter rauskommen möchte, welche ganz individuellen Lebensfragen er hat. Das würde ich als idealen pädagogischen Instinkt bezeichnet.

Wie und nach welchen Kriterien ist der Lehrplan strukturiert und warum gibt es so viele Änderungen und Auslesen?

Der Lehrplan an der Waldorfschule ist nicht so wie der staatlich verbindliche Lehrplan, der festgelegt ist auf Inhalten – das ist klar. Aber man muss vom Lehrplan immer wieder neu sprechen, der nie endgültig fertig ist. Lehrplan ist etwas Gewordenes. Natürlich gibt es Orientierungshilfen, man muss auch viele äußere Kompromisse machen, wenn die nicht passen. Ich kenne aus der Ukraine oder aus Russland, wo noch viel mehr, noch das viel stärker an das gebunden ist, was man machen muss. Bei uns es ist weniger stark, obwohl auch ich zum Beispiel in der 12. Klasse in Geschichte was anderes einbeziehen muss für die staatlichen Abschlüsse. Es kommt darauf an, wirklich verstanden zu haben, was der Ansatzpunkt für jede Jahrgangsstufe ist und zu überlegen, wie ich den Stoff so behandeln kann, dass es in diese Ansatzpunkte hineinpasst. Die Entwicklungsaufgaben zu verstehen, die mit jedem Jahr verbunden sind. Als Beispiel für die 12. Klasse in Geschichte des staatlichen Lehrplans muss die Geschichte des 19. Jahrhunderts behandelt werden. So hat man nicht so sehr die Gelegenheit, eine Überblicksepoche zu machen oder die Geschichte geschichtsphilosophisch so stark zu betreiben, wie ich das gerne machen würde in der 12. Jetzt versuche ich, diese Geschichte in der 9. Klasse so zu machen, dass man versteht, was geistesgeschichtlich in dem 19. Jahrhundert passiert: die Ideen von Darwin, die Ideen von Marks und so weiter. Geistesgeschichtliche Aspekte in der Geschichte des 19. Jahrhunderts würde ich in der 9. Klasse ganz anders unterrichten. Und man sollte da auch versuchen, die passenden Fragestellungen für jede Jahrgangsstufe zu finden. Wir überlegen, welche Entwicklungsaufgabe sich in jedem Alter stellt. Und es in der 9. anderes als in der 11. oder 12. Klasse.

 IMG_0006 Zwischen der alten und neuen Generation von Oberstufenlehrern kommt es immer wieder zu Konflikten. Haben Sie einen Vorschlag, wie man am besten damit umgehen kann?

Ich habe selber bis jetzt noch wenige Konflikte gehabt. Bei mir ist es ein bisschen speziell, weil viele meiner älteren Kollegen an meiner vorherigen Schule meine Lehrer gewesen sind. Sie kannten mich dort, das war sehr unproblematisch. Hier in Kassel ist das eine sehr alte Schule, die existiert im Grunde mit Unterbrechungen schon seit 80 Jahren. Da gibt es natürlich viele pensionierte Kollegen, einen riesigen Hintergrund. Viele Kollegen habe ich als sehr hilfreich erlebt. Ich glaube auch nicht, dass diese Frage hier in Kassel an der Schule überhaupt so eine Rolle spielt. Es gibt natürlich oft so gewisse Verständnisschwierigkeiten zwischen Klassenlehrer und Oberstufenlehrer – die wirklich sehr unterschiedliche Aufgaben haben. Ich glaube, wenn man das nicht bewusst genug macht, dass Unterricht mit Jugendlichen ganz anders ist als mit Kindern, gibt es viele Missverständnisse. Ich glaube, viele Konflikte müssen gar nicht sein, wenn man sich klar machen würde, dass man einfach ganz unterschiedlich arbeitet. Kollegen von mir sagen, dass der Oberstufenlehrer ein bisschen Provokateur sein muss, weil er ganz stark mit der Zukunft arbeitet. Provozieren heißt, hervorrufen. Klassenlehrer darf seine Schüler nicht provozieren, er hat die Aufgabe, in der Schule die Welt kennenzulernen. In der Oberstufe ist das ganz anders – da werden die Sachen ganz radikal in Fragen gestellt. Es gibt zum Beispiel bei mir in der Schule eine Kollegin, die früher Oberstufenlehrer war, sehr gedankenscharf, provozierend, manchmal ironisch. Jetzt ist er Klassenlehrer und er vollkommen anders, der kennt den Unterschied. Sonst denkt man, wenn man nur eines kennt, das andere ist falsch. Vielleicht ist in der Ukraine auch ein Problem, dass es den Klassenlehrer länger gibt und dann kommt die Oberstufe dazu und man versteht nicht diese neue Atmosphäre, diese neue Stimmung, die da herrscht. Jugendliche unterrichten ist eine völlig andere Aufgabe.

 Was sind Ihre Wünsche an alle, die jetzt in dem pädagogischen Bereich arbeiten?

Ich wünsche allen Lehrern, dass sie ein begeistertes Interesse für die Zeitfragen finden, die in unsere Zeit auftauchen und in die Zukunft führen. Dass man nicht nur sorgenvoll in die Zukunft schaut und sich Sorgen macht, was auf unsere Jugendliche in Zukunft zukommt, sondern, dass man die Zeit, in der wir leben, spannend und interessant findet und entdeckt, wo überall ganz interessante Themen sind, die man den Schülern vermittelt kann. Dass es sich lohnt, in dieser Welt zu gehen, auch wenn es sicherlich nicht einfach ist. Man muss wirklich ehrlich sein, aber nicht vergessen, wie spannend es ist, in unserer Zeit zu leben.

Vielen Dank

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