7 Fragen an Christian Jereghi

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Foto by Sylvia Lisinenko

Christian Jereghi ist 24 Jahre alt. Er ist in Moskau geboren und aufgewachsen und hat dort Theater- und Filmregie studiert. Bis er 17 Jahre alt war, hatte er mit Ukraine nichts zu tun. Doch erinnert er sich genau an die einprägsamen Erlebnisse seiner Reise dorthin. Anstatt der erwarteten Gauner, traf er gewöhnliche Menschen, mit denen er Freundschaften schloss. Er reiste durch Odessa, Ostukraine, Maidan. Er sah, woher die slowenische Kultur kam, die von Russland so verteidigt wird. Er fragte sich, wie das kommt. Seine Mutter, die auch in Maidan war und die Volontäre sah, die Butterbrote austeilten, fragte sich dasselbe. „Die Mehrheit der Menschen in Russland hat ein negatives Verhältnis zu Ukraine, doch eine Minderheit versteht alles“, sagt Christian. Zurzeit lebt Christian in Kiew und kann nicht mehr zurück nach Moskau.
Er ist einer der Regisseure, die einen Film über die Proteste in Ukraine gedreht haben. Mit einem Film der Gruppe „Babylon 13“ reiste er zum ersten Mal nach Europa. Am 21. Mai war die Premiere in Holland, weitere Aufführungen waren am 29. Mai in Hamburg, am 4. und 5. Juni in Berlin und am 7. und 8. Juni in Wien, am 9. in München und am 11. Juni in Frankfurt zu sehen. Vor der Aufführung des Films „From the Front Lines of the Ukrainian Revolution“ stellte ich Christian 7 Fragen:

Kannst du etwas über deinen ersten Tag in Maidan erzählen?
Mein erster Tag war der 30. November. Ich beobachtete die Anfangszeit der Proteste in Maidan. Am ersten Dezember kam ich mit einer Flagge nach Maidan. Ich weiß nicht, woher ich sie hatte, ich lief durch die Gegend und wusste nicht wohin mit mir. Zusammen mit der ersten Demo trug ich Teile eines alten Tannenbaums. Und als die Leute geteilt wurden und einer rief „Hier die Kiewer“, wusste ich wieder nicht, wohin. Die Moskauer haben keine Zuweisung erhalten. Also ging ich zu den Kiewern.
Die erste Nacht hat sich mir sehr eingeprägt. Alle warteten auf den Angriff. Alle fürchteten sich vor den Polizisten mit den Schlagstöcken. Alle hatten so eine große Angst davor! Dann haben sich alle daran gewöhnt und hatten das Warten satt: „Wann denn endlich? Wann passiert denn was? Das Stehen und Warten ist nicht mehr auszuhalten.“ Ein Phänomen.

Was ist „Babylon 13’“?
Eine nicht definierbare Gruppe von ukrainischen Kino- und Fotographenleuten. Leute, die im ukrainischen Showbusiness gearbeitet haben. Zum Beispiel der Regisseur Wladimir Tichij, der Produzent Dennis Voronzov, eine Dozentin der Universität Karpenka-Karogo, Larissa Artugina, und Wladimir Voitenko. Ungefähr am 1. Dezember fingen sie an zu drehen. Erste Gerüchte um eine Gruppe, die ein Projekt starten, machten die Runde, nach ein paar Tagen wussten es alle. Der Name des Projektes: Alles ist neu. Ich arbeitete an meinem Projekt „Die Entlohnung“ über die vergessenen 20er Jahre. In Maidan traf ich zufällig einen Musikanten, der mich mit „Babylon 13“ bekannt machte.

Wie waren deine Arbeitsumstände?
Der Club war geschlossen. Es war riskant, es gab kein Vertrauen, zwischen den Filmemachern gab es Streitigkeiten – du stellst dich gegen alle, so schien es mir. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, meine Arbeit aufzugeben.

Der erste Film aus „Babylon 13’“ wird auf nationalen Sendern ausgestrahlt. An was für einem Projekt arbeitet ihr zurzeit? Ist jemand von euch im Osten der Ukraine?
Ja, klar sind Leute da. „Babylon 13’“ ist ein Zusammenschluss von Profis. Wir kommen zusammen, sobald es etwas zu drehen gibt. Wenn das nicht möglich ist, arbeiten wir einzeln. Ich bin vor zwei Wochen zurück nach Europa gefahren, weil wir Anfang des Winters ohne Pause gearbeitet haben. Ich habe die Kamera seit Mitte Dezember in der Hand und habe viel Material zusammengedreht und mitgebracht, das schon bei BBC in Amerika ausgestrahlt wurde.
Wir arbeiten gemeinsam und getrennt zur gleichen Zeit. Es tauchte schon die große Frage auf, wann wir mit dem Drehen fertig sind. In Maidan sind die Proteste zurückgegangen, doch sie haben sich auf den Osten verlagert. Somit geht die Arbeit weiter.

Фото Мира Франкевыч

Foto by Mira Frankewycz

Was wirst du in Hamburg zeigen?
Almanach, eine Kurzfassung von Filmen aus „Babylon 13“, die emotionalsten Momente in einen Zusammenhang gebracht. Die Filme sind alle in Maidan gedreht. Das ist anders, als das, was wir zurzeit machen. Wir haben ein interessantes Projekt ausprobiert. Wir haben die Filme als Nachrichtensender ausgestrahlt, doch es war Kino.

Wie ist die Reaktion der Menschen?
Wir haben alle Emotionen gesehen. Die, die nicht da waren, haben eine Möglichkeit, Einblick zu bekommen, zu fühlen, was los ist. Das ist ein tiefer Prozess.

Was sind deine Wünsche für uns, die Leser und Aktivisten?
Schwere Frage. Ich kann nur dem Land was wünschen. Die banalsten Gedanken fallen mir ein:
Frieden und Rat. Verstand, um einen Weg zueinander zu finden. Das ist das schwerste.
Christian Scheneg hat Silvia Lisinenko begleitet, eine Kiewin, die seit dreizehn Jahren in Holland wohnt. Als sie den Film „Entlarvungen“ sah, hat sie den Regisseur kennengelernt. „Ich achte auf die Geschehnisse und reagiere einfach“, sagt Silvia, die die Ausstrahlung der Filme in der Stadt, in der sie wohnt, organisiert hat. Sie unterstützt auch die Ausstrahlung des Filmes „Almanach“.

Einen herzlichen Dank an Olga Schelomovoi für die Arbeit, die sie für Christian gemacht hat. Ich hoffe, dass der Auftritt des russischen Regisseurs in ukrainischen Hemd (vyshyvanka) zur Tradition wird. Heute ist in Berlin die Premiere des neuen Films von „Babylon 13“ „Der Slowene. Vorahnungen“, ein Teil, der auch in Hamburg ausgestrahlt wurde.

Übersetzt von Nelli Kistner

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