7 Fragen an Jutta Lindekugel

Obwohl die ukrainische Sprache vor der Mehrheit nicht akzeptiert wird, verschwindet sie nicht. Auch wenn in der Ukraine „Sprachenkampf“ tobt. Vor zwei Jahren gründete sich der Verein der es sich zur Aufgabe gemacht hat zeitgenössische ukrainische Literatur ins deutsche zu übersetzen. Gegründet wurde der Verein von Claudia Dathe. Ich hatte die Gelegenheit mit Jutta Lindekugel (einer der Übersetzerinnen) zu sprechen.
Der Verein translit e.V., der 2010 gegründet wurde, hat den literarischen und kulturellen Austausch zwischen dem deutschsprachigen Raum und Europas Osten, insbesondere der Ukraine und Belarus, zum Ziel. Was ist unter „aktuell“ zu verstehen –die erfolgreichsten Autoren oder neue Namen?

Unter aktuell sind neue Namen zu verstehen. Grund dafür ist, dass die deutschen Verlage und Leser für zeitgenössische Literatur eher zu begeistern sind. Die Vereinsmitglieder kennen und schätzen aber auch die ukrainische Literatur der früheren Jahrhunderte. Wir haben bereits Ideen entwickelt, wie wir zum Beispiel die ukrainischen Autoren des 20. Jahrhunderts in einen zeitgenössischen Kontext einbinden und übersetzen können. Bevor wir das umsetzen, stehen jedoch noch andere Projekte an und auch die Finanzierung dafür wird nicht leicht zu finden sein.

Leipzig 2012: Sofia Onufriv, Zhadan, Jakob Mischke, Natalka Sniadanko, Claudia Dathe, Lydia Nagel(da fehlten also vom Verein nur Kati Brunner und Jutta Lindekugel)

Welches Projekt realisiert die Gruppe Neu-Uebersetzer gerade? Erzählen Sie uns bitte über die Arbeit Ihrer Kollegen. 

Im Moment übersetzen wir Texte, die sich mit der Arbeits-Migration ukrainischer Männer und Frauen, oft Väter und Mütter, beschäftigen. Dabei müssen sie sich nicht nur im Gastarbeiterland mit vielen Vorurteilen und rauen Sitten auseinander setzen, sondern auch oft ihre Kinder in der Ukraine beim anderen Elternteil oder bei den Grosseltern zurück lassen. Aber auch in Deutschland kennen wir dieses Phänomen immer öfter, wenn ein Elternteil in einer anderen Stadt arbeitet und am Wochenende pendeln muss.Zu den Problemen und Auswirkungen dieser Situation wollen wir im Jahr 2013 auch mindestens zwei Veranstaltungen organisieren. Unser Vereinsmitglied Kati Brunner hat dieses Projekt zusammen mit der ukrainischen Autorin und Verlegerin Marianna Sawka geleitet.

Sie haben Slawistik studiert – zuerst nur Russisch, später Ukrainisch. Welche Bücher haben Sie schon aus dem Ukrainischen übersetzt und welches Verhältnis haben Sie zu diesen Sprachen?

Ich habe in den 1990er Jahren studiert. Ukrainisch wurde damals an den deutschen Universitäten kaum angeboten. Der Lehrstuhl für Ukrainistik in Greifswald ist eine lobenswerte Ausnahme. An wenigen weiteren Unis gab es vereinzelte Lehrkräfte, die für sehr vereinzelte Studenten Kurse angeboten haben, die jedoch nicht in den Lehrplan zählten. Daher musste ich bis zur Magisterprüfung den Schwerpunkt auf Russisch legen. Mein Auslandsjahr habe ich aber in Kiew verbracht, wo ich an der Schewtschenko-Universität sowohl Russisch als auch Ukrainisch lernen konnte. Ich finde Ukrainisch ist eine sehr schöne, melodiöse Sprache. Die Geschichte, Literatur und Kultur der Ukraine sind hochinteressant und sollten dringend mehr Beachtung finden. Bisher habe ich aus dem Ukrainischen nur einzelne Erzählungen übersetzt für den Band „Weil heute Samstag ist…“ (Otar Dovzhenko, Tzuica 2011) und „Wodka für den Torwart“ (edition.fototapeta 2012) sowie Gedichte, die in der Zeitschrift Asphaltspure und im diesjährigen Band nach dem Meridian-Festival in Czernowitz gedruckt wurden. Im Moment mache ich ausserdem bei einem Tandem-Projekt vom Goethe-Institut Ukraine und dem Übersetzer- und Autorenverein TSPP mit, bei dem je sieben deutsche und sieben ukrainische Romane in Ausschnitten übersetzt werden. Es gibt viele Ideen und Projekte für weitere Übersetzungen von Erzählungen, aber auch Essays oder ganzen Romanen. Leider fehlen oft Zeit oder die Finanzierung, so dass bisher pro Jahr nur etwa eine große Veröffentlichung zu Stande kommt.

Wer sind Ihre Leser?

Meist handelt es sich bei unseren Lesern um Ukraine-Interessierte, also Slawistik-Studenten oder Menschen, die mit Osteuropa zu tun haben. Mit dem Band „Wodka für den Torwart“, den wir zur Fussball-EM 2012 herausbringen konnten, haben wir erstmals ein breiteres Publikum erreicht, da der Band sogar in der Tagesschau, im Spiegel und vielen weiteren Zeitungen besprochen wurde.

Mit der Veröffentlichung von Büchern in der Ukraine war es schon immer schwer. Mit dem neuen Sprachgesetz verliert die ukrainische Sprache viel ein. Welche Veränderungen haben Sie innerhalb dieser zwei Jahren in der ukrainischen Literatur und Kultur bemerkt?

Wien 2012 Jutta Lindekugel (links) und Maxym Kidruk (rechts)

Ukrainisch als einzige Amtssprache hat die ukrainische Sprache und Gesellschaft meiner Meinung nach sehr vorangebracht. Ich hatte bis vor kurzem den Eindruck, die ukrainische Literatur könnte stärker werden als die russische. Die jungen Autoren in der Ukraine haben tolle Ideen und zeigen viel Engagement. Ich fürchte, das neue Sprachengesetz kann diese Entwicklung wieder dämpfen. Die Ukraine ist ein zweisprachiges Land, aber russische Produkte überschwemmen den Markt sowieso. Die ukrainischsprachigen Werke sollten daher besonders gefördert werden. Bemerkt habe ich bisher aber noch wenig Veränderung.

Was kann man im neuen Jahr lesen? Was sind Ihre Wünsche an neue Autoren?

Bücher und Themen, die auch in Westeuropa Bestseller werden können. Bis vor kurzem waren Vampir-Geschichten in, da hätte die Ukraine mit ihrer reichen Vampir-Folklore mehr beitragen können! Vielleicht springt ein ukrainischer Autor rechtzeitig auf den nächsten Hype auf oder löst ihn sogar aus?

Und für alle, die eine Leseprobe machen möchten, Ihre Internetseite bitte

www.translit-portal.de

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