7 Fragen an Ulrike Garrido Mendoza

In der Internationalen Deutschen Woche für Fremdsprachenlehrer im Oktober in Berlin lernte ich Ulrike Garrigo Mendoza kennen. Ulrike Garrido Mendoza, der ersten Anthroposophin in der Ukraine, die den ersten Austausch zwischen Ost und West ermöglichte.
Sie war eine Waldorfschülerin, die nach der Schule wusste, dass sie Waldorflehrerin sein will, um was Sinnvolles für den Aufbau der Welt zu tun. Ihre Schüler aus der 1. Klasse sind heute 38 Jahre alt. Sie hat in den 80er Jahren als Lehrerin angefangen. Zweimal war sie Klassenlehrerin für Klassen ab der 1. bis zur 8. Klasse, unterrichtete auch Russisch und Englisch. 13 Jahre war sie Dozentin am Institut für Waldorfpädagogik in Witten/Annen, gab Seminare für Klassenlehrer und Fremdsprachenlehrer in vielen verschiedenen Ländern mit totaler Begeisterung, egal, ob für Studenten oder Kinder. Jetzt arbeitet als Klassen- und Fremd-sprachenlehrerinsie an der Georgschule in Dortmund, für die Erziehung sozialschwieriger Kinder, die wahnsinnige Biografien haben.  Autorin von „Stellt doch einfach alles auf den Kopf“, DaF-Lesebuch für die Mittelstufe.
“Ich finde meine Schüler total normal, aber das Leben ist schwierig mit ihnen. Und ihnen da Kraft zu geben, zu helfen, die Sachen zu sehen. Du musst so kämpfen, um ihrem Geist zu ermöglichen, sich im Leben finden zu können, dass sie sie selbst werden können”.

von rechts nach links: Ekaterina Tschaputa (Deutschlehrerin, Odessa), Ulrike Garrido Mandoza und Marushka, Deutsche Woche, Berlin, Herbst 2012

Frau Mendoza, sie arbeiten viel in Südamerika, waren auch in vielen Ländern und waren die erste Anthroposophin, die in der unabhängige Ukraine war. Welche Gründe waren für Sie, in die Ukraine zu fahren?
Es gab 2 Gruüde: erstens wollte ich einen Schulaustausch (der erste Austausch, den es überhaupt gab zwischen Ost und West). Ich wollte das vorbereiten und ich wollte mein Russisch verbessern. Ich war in Donetzk (der östliche Teil Ukraines, aus dem heute fast alle Regentschaften ausgehen). Da war Gorbachev an der Macht und es gab ganz viele Sachen, die mich sehr bewegt haben. Das eine ist, dass ich so ein Gefühl hatte, als wäre ein Schleier über dem Land, über den Menschen und dass es den Menschen, die damals initiativ sein wollten, es nicht erlaubt war. Du musst deinen Job machen, du konntest nicht wählen, Waldorflehrer zu werden.

Gab es ein besonderes Ereignis, dass Sie beeindruckt hat?
Diktatur. Ich habe bei einer Familie gewohnt, die mir den Judenpass gezeigt hat und sagte, ich konnte nicht arbeiten, wo ich wollte mit dem, was ich studiert hatte. Dann habe ich viele alte Frauen gesehen, die auf der Strasse gearbeitet haben. Es tut mir bis heute weh, so etwas habe ich bei uns nicht gesehen.
Die Leute haben gearbeitet und nicht genug Geld, um zu essen. Das fand ich total schlimm, es tat mir total weh. Ich erinnere mich an eine Frau, ich dachte Sie war 58, so wie ich heute, und die war junger als ich. Im Anthroposophischen Kreis waren die Leute sehr offen und interessiert.
Ich habe das Gefühl, da waren große Schmerzen in der Seele. Wenn ich auf den Festen war, haben alle getrunken und gesungen, dann kam durch den Gesang der ganze Schmerz aus der Seele. Das hat mich sehr bewegt. Diese ganze soziale Situation, dass sie nicht kaufen wollen, was sie wollen, dass so viel über Korruption läuft….ich war nicht mehr dort…

Jetzt ist das 21. Jahr der Unabhängigkeit. Die Situation hat sich nicht verändert – Hunger nach Kultur, Hunger nach Bildung und Enttäuschung. Wo liegt der Grund dieser Depression?
Der Grund liegt in der Geschichte. Wenn du nicht selbst bestimmt leben kannst, kommen die Probleme. Ja, es gibt viele Leute, die wollen das alte System – das hat Sicherheit gegeben. Du hast so zwar die äußere Sicherheit, aber du hast keine innere Freiheit – das ist das Problem. Und das Problem besteht heute immer noch. Die Frage der Freiheit. Freiheit, ob du wirklich ein freier Mensch werden kannst oder nicht. Und dann gibt es auch ein hohes Risiko: Freiheit wird unter einem autoritären System durch Verfolgung und Unterdrückung, dann durch Gefängnis, wenn du kritisch bist, zerstört. Dann musst du wahrscheinlich unter einem Pseudonym schreiben, sonst kriegst du dort Probleme. Das musst du dir klar machen.

Die ersten Waldorflehrerinnen in der Ukraine waren die erste Elterngeneration, die nach der Sowjetunion eine freie Schule begründen wollte. Die Kinder sind schon groß, die Oberstufe schwach.
Wie kann die Waldorfschule in Osteuropa weiter entwickelt werden ohne die Grundlagen der Waldorfpädagogik zu verlieren?
Ich sage ganz ehrlich: Waldorfschule funktioniert, weil alle Lehrer gleichberechtigt sind. In der richtigen Waldorfschule gibt es keinen Direktor. Einer von der Seminarkollegen in Stuttgart erzählte, da war eine Gruppe von Russen und einer hat gesagt: „Wer von euch ist Direktor?“ Und dann haben sich alle gemeldet. (In Kiew in der waldorfschule „Michail“ war die nicht nur Waldorfdirektor sondern Waldorfpräsident, ) Wir müssen auch Kollegen haben, die staatliche Examen haben aber im Kollegium sind wir gleichgestellt. Es gibt es keinen Direktor. Denn sonst ist die Diktatur wieder da. Das ist keine Waldorfpädagogik. Es tut mir leid.

Es gibt sehr viele gute Lehrer, die mit großem Enthusiasmus anfangen zu arbeiten und schnell aufgeben, aber von Waldorf nichts hören wollen. Wie soll man die „Freiheit“ in der Waldorfschule verstehen?
In der Staatlichen Schule gibt es ganz viele Regeln. Wir haben viel Freiheit, wobei viele Waldorfschulen viel zu viele Kompromisse mit dem Staat machen. Ich würde viel radikaler sagen: von der ersten bis zwölften Klasse bestimmen nur wir, da ist nichts von außen bestimmt. Wir machen das, was wir wollen, wir entwickeln Alternativen.
Wenn die Leute ganz fanatisch dogmatisch sind – das ist ein Problem von denen, nicht das der Anthroposophie, nicht das Rudolf Steiners. Bei uns unterrichten viele Menschen in der Oberstufe, weil sie beim Staat nicht untergekommen sind. Sie unterrichten nicht, weil sie die Waldorfpädagogik suchen, sondern weil sie einen Job haben wollen. In Deutschland werden pro Jahr 700 Waldorflehrer/innen benötigt und weniger als die Hälfte kommen aus dem Seminar. Ich kritisiere das nicht, aber es beschreibt alle Situation.

Welche Hauptaufgaben hat der Waldorfpädagogik in der Ukraine?
Die Aufgabe für euch ist, in der Zukunft eine Schule zu gründen, wo die Kollegen zusammen in einem republikanischen System entscheiden – das bedeutet, eine mutige Entscheidung zu treffen, nicht wie in dem demokratischen System, wo die Mehrheit entscheidet. Es gibt heute viele Schulen, die das auch nicht mehr machen, aber so hab ich es selbst erlebt.
Da hast du keinen Direktor und wenn einen, dann sagt er „Ich möchte das nicht“ und „Das geht nicht“. Eine gewisse Selbstlosigkeit hilft dem Menschen nicht egoistisch zu denken im Sinne von „Was ich denke, das richtig ist, was die anderen – blöd“, sondern wirklich zusammen zu arbeiten. Ich finde die Pädagogik großartig. Wenn meine Schüler, die in die Schule kommen wollen, wenn sie krank sind, muss ich in die Schule. Ich bin selbst glücklich und die Schüler sind es auch. Das finde ich wunderbar. Rudolf Steiner sagt: „Die Erwachsenen sind nur die Umgebung des sich selbst erziehenden Kindes“. Das heißt, wir müssen den Unterricht so zubereiten, dass das Kind kriegt, was für das Kind wichtig ist und nicht, was wir denken, was es lernen muss. Das ist immer ein Tag im Leben des Kindes. Und das ist so kostbar.

Was sind Ihre Wünsche an alle, die jetzt in dem pädagogischen Bereich arbeiten?
Waldorfpädagogik spricht die Würde des Kindes an, und das ist das Kostbarste, was es gibt. Wenn ein Kind unglücklich in Waldorfschule ist, dann muss er wo anderes hingehen, an eine staatliche Schule.

p.s. Die nächste Deutsch-Woche ist vom 26. bis 30. Oktober 2013 in Berlin. Alle Anmeldeinformationen und das komplette Programm findet Ihr auf www.waldorf-daf.info

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