7 Fragen an Dieter Schwartz

Dieter Schwartz

Dieter Schwartz

Das erste Mal in Kiew: Dieter Schwarz, einer der wichtigsten ersten deutschen Schüler Par Alboms, dem Begründer der Intuitiven Pädagogik. Dieter wird über diese Pädagogik in Solwik, Schweiz, sprechen. Vor fast 40 Jahren hat Par Albom in der Schweiz damit begonnen, eine Alternative zur klassischen Waldorfpädagogik auszubauen – die Intuitive Pädagogik. Par Albom war einer der genialen Schüler Rudolf Steiners. In der Schule in Solwik gehen die Lehrer nicht mit der traditionellen Waldorfpädagogik hervor, sondern direkt mit ihrer innersten Intutition. Und Anthroposophie ist das Mittel, dies zu verwirklichen. Das Mittel der Intuitiven Pädagogik ist das freie, situative, intuitive Handeln in der Pädagogik. Par Albom, der ebenso der Begründer der Musiktherapie war, hat in den 80ern gemeinsam mit anthroposophischen Freunden über die Kindheit nachgedacht. Nicht über die Illusion der Kindheit, sondern wie sie wirklich war. Sie stellten fest, dass für die Mehrheit der Menschen die Kindheit mit einer schrecklichen Zeit verbunden wird, sowie, dass die Eltern nicht in der gegenwärtigen Zeit der Welt leben. Was denkt und fühlt das Kind? Dass die gestressten Eltern es wegen ihm nicht schaffen zu arbeiten. Bald schon stellt sich das Kind um zu einer automatisierten Maschine. Und solche Situationen gibt es viele. Die Spiele in der intuitiven Pädagogik versuchen die Seele mit dem Körper zu vereinen.
Dieter Schwarz ist Musiker, Kapellmeister und Posaunist. Er studierte am Institut für Waldorfpädagogik in Witten/Annen „Waldorf-Klassenlehrer“ und war Klassenlehrer in der Windrather Talschule und an der Freien Schule Elztal. Während des Studiums wurde er gefragt, ob er an der Freien Waldorfschule Engelberg ein Musiktheaterprojekt Anatevka leiten wollte, später leitete er dort alle Orchester und unterrichtete Musik. „Was du da sagst, hat Rudolf Steiner auch gesagt, er hat nur andere Worte benutzt“, – sagte ihm ein Engelberger Freund, der viel von Rudolf Steiner gelesen hatte. Daraufhin interessierte er sich, welche Worte Rudolf Steiner benutzt hatte.
Durch das Spielen und Üben mit Pär Ahlbom, wurde Anthroposophie für ihn viel handgreiflicher und lebenspraktischer.
Jetzt leitet er sich wieder Orchester und ist vor allem als Seminarleiter für „Intuitive Pädagogik“ tätig.

Herr Schwartz, was sind Ihre Erwartungen an diese Reise?
Mein Ursprungsimpuls für diese Reise war, die Schetinin-Schule im Kaukasus kennen zu lernen, den Geist dieses Lyceums vor Ort wahrzunehmen und den Menschen dort persönlich zu begegnen. Hinzu kam dann Pavel Krämers Initiative, an verschiedenen anderen Orten in der Ukraine und in Russland Seminare zu veranstalten. Ich habe keine bestimmten Erwartungen daran, sondern bin ganz offen für die Begegnungen mit den Menschen, die ich dort treffen werde, und freue mich darauf.Außerdem bin ich natürlich darauf eingestellt, eine für mich fremde Kultur zu schnuppern.

Jetzt ist die Zeit, eine Kulturelle Entwicklung neu zu bewirken. In der Ukraine ist es ein großes Problem, neue Schulen zu gründen, die Waldorfschulen sind nur nach dem Bruch der Sowjetunion möglich. Im Vergleich zu Deutschland fängt bei uns erst alles an. Müssen wir vielleicht bei der Entwicklung neuer Initiativen (zum Beispiel Waldorf) andere Wege gehen?
Die heutigen Kinder sind ja Kinder der heutigen Zeit und diese Zeit ist eine andere als frühere Zeiten. Vor etwa 15 Jahren gab es weltweit einen Paradigmenwechsel und es begann der Übergang zur Kommunikationsgesellschaft.
Für meine Wahrnehmung ist durch diesen Paradigmenwechsel eine große Kluft entstanden zwischen den Generationen, die zu gegenseitigem Unverständnis führt. Wollte man früher effektiv, rationell und bequem sein, so gelten für die heutige junge Generation ganz andere Werte, wie z.B. Lebensqualität durch Kommunikation, Gemeinschaft und Kontakt. Auch die Fähigkeit des autodidaktischen Lernens ist bei den heutigen Jugendlichen sehr üblich geworden, sie lesen z.B. keine Gebrauchsanleitungen mehr, wenn sie die Funktionsweise eines elektronischen Gerätes kennen lernen wollen, sondern erwerben sich im unmittelbaren Umgang damit direkt das nötige „Vertrautheitswissen“. Außerdem entsteht gerade ein völlig neues Bewusstsein über das Lokale und das Globale.
Die aus diesem Paradigmenwechsel entstandene Kluft zwischen den Generationen gab es zu Rudolf Steiners Zeiten so nicht. Wenn Rudolf Steiner sagt, der Lehrer solle „Zeitgenosse“ sein, so befinden wir uns heute ja in einer anderen Zeit als vor 87 Jahren, als in Deutschland die erste Waldorfschule gegründet wurde. Man muss heute vielleicht nicht andere Wege gehen, aber man muss die Wege sicherlich anders gehen.

Intuition, Bild von Marushka, Akril, Kassel 2013

Intuition, Bild von Marushka, Akril, Kassel 2013

Erzählen Sie bitte etwas über das Seminar für Intuitive Pädagogik. Was ist die Grundlage dieser Bildung?
Die Intuitive Pädagogik ist eine Schulung für Eltern, Erzieher/innen und Lehrer/innen, für alle Erwachsenen, die mit Kindern umgehen. Dabei geht es vor allem um die Schulung der eigenen inneren Haltung. Wir Menschen können in einem bedingungslosen inneren Zustand sein, in dem wir offen und verletzlich sind und Zugang zu unserer vollen Kapazität haben. Dazu ist es nötig, dass wir in äußerer Geborgenheit sind, so dass wir in unsere innere Geborgenheit kommen können. In diesem Zustand sind wir als ganzer Mensch hier und jetzt anwesend. Wenn wir Kindern aus diesem Sein heraus begegnen, findet echte Beiderseitigkeit statt. Bei den Spielen der Intuitiven Pädagogik geht es stets darum, ganz im Hier und Jetzt zu sein. Wir üben dabei, in diesem offenen und verletzlichen Zustand zu sein, selbst wenn wir etwas gerade nicht können. Wir Erwachsenen sind oft gewohnt zu vermeiden, etwas nicht zu können. In der Intuitiven Pädagogik suchen wir dagegen bewusst Schwierigkeiten auf, z.B. in der Bewegung, und begeben uns in eine Lage, in der wir etwas nicht können. Hier üben wir dann in der offenen Verletzlichkeit zu bleiben und voll präsent zu sein.
Ein zweiter Teil ist die Primäre Gedankenarbeit . Sie hilft dazu, aus dem Weg räumen, was uns hindert, auch im Alltag in diesem offenen Zustand zu sein.
In der Intuitiven Pädagogik vereinen sich zwei Ströme: Der eine ist der anthroposophisch-musikalische Bewegungsansatz von Pär Ahlbom, der andere ist die von Iris Johansson entwickelte Kommunikationskunst. Wobei hier mit Kommunikation gemeint ist: die Kommunikation in uns selbst, die Kommunikation zwischen Menschen und die Kommunikation hinaus in die Welt und die Wirklichkeit.

Wie steht die Intuitive Pädagogik zu Waldorf Bewegungen?
Wie auch die Waldorfpädagogik gründet die Intuitive Pädagogik, vor allem durch Pär Ahlboms Arbeit, auf die Anthroposophie. Die Intuitive Pädagogik ist ja eine Persönlichkeitsschulung für Pädagog/inn/en. Man kann die Intuitive Pädagogik für sich selbst also gut als Ergänzung zur Waldorfpädagogik nehmen.

„In der Schulung für Intuitive Pädagogik wird Wachheit dem Denken und dem Sinnesleben gegenüber durch Bewegungsspiele, musikalische Improvisation, bildende Kunst und Gespräche aus der Arbeit heraus geübt“ sagte Pär Ahlbom. Welche Rolle haben die Bewegungsspiele bei der Entwicklung von Kindern und Erwachsenen im Leben.
Unser ganzes Leben hindurch bilden wir durch sinnliche Erfahrungen neue Begriffe.
Wenn die Spiele der Intuitiven Pädagogik in einer Atmosphäre gespielt werden, in der keine Bewertungen walten, sondern alles so sein darf, wie es ist, und sich von da aus alles entwickeln kann, dann üben Erwachsene wie Kinder gleichermaßen im Hier und Jetzt innerhalb eines Raumes jenseits von Richtig und Falsch. Dabei werden durch sinnliche Erfahrung neue Begriffe gebildet. Diese Begriffe sind, weil sie frei gebildet wurden, mit allen früheren und späteren Begriffsbildungen im Leben kombinierbar.
Ich selbst habe z.B., als ich die Spiele von Pär Ahlbom kennen gelernt habe, zum ersten Mal in meinem Leben bemerkt, wie individuell und völlig verschieden Begriffsbildung bei verschiedenen Menschen stattfindet. Danach hatte ich eine völlig andere Ausgangslage dem Lernen gegenüber als zuvor.
Vor allem aber können wir die Art des Seins, die wir während des Spielens üben, im besten Fall auch in allen anderen Situationen unseres Lebens finden.

ein Kind, Bild von Marushka, Kassel 2013

ein Kind, Bild von Marushka, Kassel 2013

Wie können Erwachsene die eigene Entwicklung ernst nehmen, um den Kinder die große Hoffnung für Ihre Zukunft zu geben?
Wenn uns stört, was ein anderer Mensch tut, liegt dahinter unser eigener innerer Konflikt. Die Lösung für solche inneren Konflikte trägt jeder Mensch in sich selbst. Wenn ich also aufhöre, zu denken, dass der Andere sich ändern müsste, damit ich zufrieden werden kann, sondern damit beginne, meine eigenen Konflikte zu lösen, übernehme ich die Verantwortung für meine eigene innere Entwicklung.
Die inneren Konflikte entstehen zum einen durch Gedankenfehler, auf denen dann unser Denken aufgebaut ist. Oft sind es Majoritätsmissverständnisse, über die sich also die meisten Menschen einig sind. Durch Primäre Gedankenarbeit können wir diese Gedankenfehler berichtigen, dabei stellen wir von einem Bewertungsdenken auf ein Phänomendenken um.
Die zweite Ursache für unsere inneren Konflikte ist unsere Unreife im Umgang mit unseren Gefühlen.
Wenn wir Erwachsene uns dieser beiden Felder annehmen und uns darin entwickeln, bekommen die Kinder, die mit uns zu tun haben, die größte Hoffnung, dass sie selbst auch ihre Konflikte lösen können. Dabei geht es nicht um das absolute Niveau unserer Entwicklung, sondern nur darum, dass die Kinder von Erwachsenen umgeben sind, die an ihrer eigenen Entwicklung dran sind und nicht vorgeben, schon fertig zu sein.

Was sind Ihre Wünsche an alle, die jetzt in dem pädagogischen Bereich arbeiten?
Ich wünsche allen pädagogisch tätigen Menschen eine gute Lebensqualität durch Gemeinschaft und Kontakt mit sich selbst und mit anderen Menschen und wahre Begegnungen in Beiderseitigkeit sowohl mit den Kindern als auch mit anderen Erwachsenen.

http://www.dieterschwartz.de/intuitive%20paedagogik.htm

14.08.13. von 19.00. bis 22.00, Intuitive Pädagogik

Adresse in Kiew: http://eds.co.ua/ru/karta_proezda.htm

Die Veranstaltung wird durch die Europäische Schule für Design unterstützt.

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